Diese App sollte jeder Klimaschützer testen

Ein guter Tag auf Android

Weniger Fleisch, fairer Kaffee, öfter mal das Auto stehen lassen – viele von uns versuchen bereits in kleinen Schritten, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Aber weißt du eigentlich, wie viel CO2-Ausstoß dein Lebensstil verursacht und wie viel umweltverträglich wäre? Die App „Ein guter Tag“ verrät es dir. 

2,5 Tonnen CO2 pro Kopf pro Jahr: Mit diesem ersten Limit könnte das berühmte 2°C-Ziel hoffentlich noch erreicht werden, berichten viele Institutionen und Medien seit 2009 und beziehen sich dabei auf eine Berechnung des WBGU. Tatsächlich lag die Pro-Kopf-Emission in Deutschland im vorigen Jahr mit 9,1 Tonnen weit darüber. Aber was können wir mit diesen abstrakten Zahlen nun im Alltag anfangen? Welches Verhalten verursacht denn wie viel Kilogramm CO2? Einen ersten Eindruck liefern uns Rechner wie der von KlimAktiv: Durch die Eingabe zahlreicher Informationen zu Haushalt, Ernährung, Mobilität und Konsum wird eine CO2-Bilanz berechnet. Diese kann mit dem Durchschnitt verglichen werden und zeigt auf, in welchen Bereichen Einsparpotentiale liegen.

Ein guter Tag hat 100 Punkte

So eine einmalige, relativ aufwändige Jahresbilanz kann den Anstoß zu grundlegenden Verhaltensänderungen geben. Aber ob ich mich im alltäglichen Zwiespalt zwischen leckerer Limo und Leitungswasser auf diese Ergebnisse besinne, bleibt fraglich. Genau hier setzt das Projekt „Ein guter Tag“ an, das das Züricher Designbüro Integral Ruedi Baur zusammen mit dem gemeinnützigen Unternehmen KAIROS für Wirkungsforschung & Entwicklung aus Bregenz ins Leben gerufen hat. Das Team setzt das tägliche Pro-Kopf-Budget von rund 6,8 kg CO2-eq mit 100 Punkten gleich und stellt klar: „Wer mehr braucht, lebt auf Kosten von Menschen in anderen Regionen oder künftiger Generationen.“ Auf Basis wissenschaftlicher Berechnungen des Ökoinstituts Freiburg und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Wien wurden dann hunderten von Handlungen und Produkten Punktwerte für die Klimawirksamkeit zugeordnet. Zudem fließen Basiswerte für den Grundverbrauch in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein, zum Beispiel für öffentliche Einrichtungen. Ein Punkterechner, der auf der Website und für Android verfügbar ist, ermöglicht es so, den täglichen Verbrauch zu berechnen, die größten „Klimasünden“ zu identifizieren und Alternativen zu suchen.

Damit sich das Konzept erfolgreich verbreiten kann und wiedererkannt wird, wurde das Projekt samt grafischer Gestaltung über eine Creative Commons Lizenz geschützt. So können Daten und Design frei weiterverwendet werden, wenn sie unverändert bleiben und auf die Initiatoren verwiesen wird. Im zugehörigen Shop gibt es zum Beispiel Punkteaufkleber und eine Broschüre, die zum Selbstkostenpreis angeboten werden. Im Residenz-Verlag sind zudem zwei passende Bücher von Thomas Weber erschienen.

Der Punkterechner im Praxistest

Eindrücklicher als das illustrierte Erklärvideo zeigt eine WDR-Sendung aus der Reihe „Das Experiment“, wie „Ein guter Tag“ den Alltag umkrempeln kann. Einen Monat lang versuchten die Reporter Lena Breuer und Benjamin Braun mithilfe des 100-Punkte-Systems, möglichst klimafreundlich zu leben. Und das ist alles andere als einfach. Der durchschnittliche Mitteleuropäer liegt bei sagenhaften 450 Punkten, Lena und Benjamin starten immerhin schon unter 300. Unterstützt werden sie dabei von Nachhaltigkeitsexperte Martin Strele, einem der Geschäftsführer von KAIROS. Die Reportage ist wirklich sehenswert, schwache Nerven seien aber vor dem Besuch im Schlachthof ab Minute 31 gewarnt:


(Wenn das eingebettete Video in deinem Browser nicht funktioniert: Hier geht’s zur Mediathek.)

Wer den Rechner nun selbst ausprobiert, stellt schnell fest: Ganz so einfach wie in der Sendung ist es leider doch nicht. Der Erdgasverbrauch für die Heizung etwa wird in Kubikmetern verlangt. Die Heizkostenabrechnung aber gibt den Verbrauch oft nur in Kilowattstunden an. Für eine Umrechnung, die nicht in der App selbst enthalten ist, müsste ich Brennwert und Zustandszahl des Gases beim Versorger erfragen. Auswahlmöglichkeiten zum Beispiel bei Stromanbietern, Straßenbahntypen oder Fischarten sind sehr begrenzt. Beim PKW kann diese Angabe durch eine individuelle Spezifikation des Verbrauchs umgangen werden. Aber welcher Tramwagen den Chemnitzer Straßenbahnen am nächsten kommt, kann ich nur raten. Unter Konsum stehen in der Web-Version lediglich 30 Produktarten zur Auswahl, ökologische oder Second-Hand-Kleidung beispielsweise fehlen gänzlich. Und in der Android-App, die zugegebenermaßen derzeit gar nicht mehr auf der Website verlinkt ist, führt die Auswahl mehrerer Null-Punkte-Aktivitäten wie „Abendsonne genießen“, „Drachen steigen lassen“ oder „gärtnern“ zu einem Komplettabsturz der App.

Schon vor zwei Jahren beanstandeten Nutzer solche Probleme, und lange sah es so aus, als stünde das Projekt still. Doch wenn man sich anschaut, wie das Ganze finanziert wurde, verstummen Beschwerden schnell: Ausgangspunkt war ein Auftrag des west-österreichischen Bundeslandes Vorarlberg über eine Kampagne, die „der Bevölkerung alltagstaugliche Ansätze bieten [sollte], Ressourcen zu schonen.“ Als das Land entschied, das entwickelte Konzept nicht offiziell einzusetzen, starteten die Entwickler die Kampagne auf eigene Kosten, ohne Auftrag- und Geldgeber. Kein Wunder also, dass es ehrenamtlich nicht möglich war, eine umfangreiche Datenbank und Apps kontinuierlich zu pflegen.

Die Crowdfunding-Kampagne

Allen Problemen zum Trotz begeisterte „Ein guter Tag“ nach und nach 80.000 Menschen in fünf Sprachen. Grund genug für die Macher, der Initiative einen neuen Anstoß zu geben. Am 8. Juni verkündeten sie auf ihrer Facebookseite überraschend den Relaunch und eine Crowdfunding-Kampagne. Über Startnext wollen sie 50.000 Euro einsammeln, um damit Programmierer und Grafiker für die Weiterentwicklung des Projekts bezahlen zu können. Des Weiteren suchen sie Support beim Übersetzen und beim Erweitern der Datenbank, die entsprechenden Funktionen werden in den nächsten Wochen integriert. Als großer Fan der Idee war ich noch am gleichen Tag der erste Unterstützer des Crowdfundings. Doch leider scheinen auch für die Werbung für die Kampagne Ressourcen zu fehlen. Bis zum heutigen vorletzten Tag konnte sie erst knapp 1.900 Euro einsammeln.

Es erscheint unwahrscheinlich, dass die Kampagne in den letzten 36 Stunden doch noch „durch die Decke geht“, also die Fundingschwelle überschreitet. Aber sollte euch „Ein guter Tag“ auch so gut gefallen wie mir, dann würde ich mich freuen, wenn ihr diesen Blogbeitrag teilt, Freunden davon erzählt oder euch noch an der Crowdfunding-Kampagne beteiligt. Ihr habt nichts zu verlieren: Kommen die 50.000 Euro nicht zusammen, so wird eure Unterstützung nicht abgebucht.

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