phonest – Ein 100% transparentes Smartphone?

In elegantem Design wurde für das phonest geworben (Quelle: phonest.net).

Ein durchsichtiges Smartphone? Oder Konkurrenz fürs Fairphone? Zwei Wochen lang hat das Erfurter Startup phonest Newsportale, Blogs und Mobile-Fans mit seiner Ankündigung auf die Folter gespannt – die Überraschung zum heutigen Launch ist gelungen. 

Ende Juli machte mich Anne auf ein Projekt aufmerksam, von dem sie genau wusste, dass es meine Aufmerksamkeit erregen würde: Das Startup phonest aus Erfurt kündigte ein 100% transparentes Smartphone an. Meine erste Assoziation ging zum Fairphone, das versucht, Produktionsbedingungen und Lieferkette so fair und nachvollziehbar wie möglich zu gestalten. Doch dank der ökosozialen Ringvorlesung der NATUC weiß ich, dass Nager IT selbst eine Maus nicht 100% transparent herstellen konnte – entsprechend skeptisch war ich bei einem Smartphone. Die Informationen auf der Website der Macher waren äußerst spärlich, sie wollten es bis zum Produktlaunch am heutigen Abend besonders spannend machen. Auf der Suche nach weiteren Informationen stellte ich dann überrascht fest, dass andere Magazine und Blogger das „transparent“ ganz anders verstanden: Sie erwarteten ein durchsichtiges Smartphone!


Der geheimnisvolle Clip zum phonest (Quelle: facebook.com/phonest.de).

Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als den Newsletter zu abonnieren (über den man sich automatisch eines der ersten 5000 Exemplare unverbindlich reservieren konnte) und abzuwarten. Darüber kamen ab dem 4. August häppchenweise mehr Infos: Ein 5-Zoll-Display und drei verschiedene Speichergrößen sollte es geben, ein natives Android 6.0 Marshmallow sei an Bord, es wiege nur 132 Gramm und die Auflösung betrage 2560 x 1440 Pixel – das klang alles recht beeindruckend, aber umso weniger fair machbar.

Das phonest wird enthüllt

Heute Abend war es nun so weit, um 18 Uhr wurde die Website umgeschaltet. Nach dem scrollen über technische Features stellt sich heraus: Mit „100% transparent“ war tatsächlich die Lieferkette gemeint, aber wer hat was von fair gesagt? (Bild anklicken:)

Die transparente Lieferkette von phonest offenbart problematische Materialien (Screenshot: phonest.net).
Die transparente Lieferkette von phonest offenbart die problematische Gewinnung mehrerer Rohstoffe (Screenshot: phonest.net).

Jetzt war klar: Das ist eine Aufklärungskampagne zu den problematischen Herstellungsbedingungen von Smartphones. Ein letzter Scroll nach unten offenbart die Buttons zum vorbestellen – nicht nur für die drei verschiedenen Varianten, sondern mit einer vierten Option „Dein Sklave“ für 0 Euro. Mit einem Klick auf einen der Buttons gelangt man zur Auflösung:

Damit ist dem 26-jährigen Erfurter Designer Jonathan Schöps, der an der Bauhaus-Universität Weimar im Master Visuelle Kommunikation / Visuelle Kulturen studiert, ein ziemlicher Coup gelungen. Die zugehörige Facebook-Seite mag nur knapp 250 Likes generiert haben, aber mehrere Tech- und Mobile-Portale und -Blogs hatten seine offenbar vorab mit Sperrfrist versendete Pressemitteilung auf 18 Uhr getimed, ohne den Launch tatsächlich im Blick zu behalten. Als ich gegen 18:30 Uhr Screenshots erstellte, hatte lediglich René Hesse auf mobiflip.de einen „PS: Ja, ich weiß“-Absatz und inside-handy.de den auf der Pressemitteilung basierenden Artikel bereits wieder gelöscht. Nach und nach korrigieren nun auch viele der hier Abgebildeten ihre Original-Artikel.

Mehrere Websites hatten die Pressemitteilung von phonest ungeprüft veröffentlicht (eigene Collage).
Mehrere Websites hatten die Pressemitteilung von phonest ungeprüft veröffentlicht (eigene Collage).

Das weitere Verweilen auf der „Das steckt dahinter“-Seite von phonest lohnt übrigens: Jonathan hat erschreckende Informationen über moderne Sklaverei zusammengestellt, zeigt auf, auf welchen Wegen Verbraucher etwas dagegen tun können und verlinkt viele weitere aufklärende Projekte und Medien. Chapeau für diese Aktion, Jonathan.

Ergänzung vom 14.08.2016: enorm hat heute ein lesenswertes Interview mit Jonathan veröffentlicht.

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