Peinlicher Imagefilm: Zukunft Eintüten

Plastiktüten sind zum Symbol der Umweltverschmutzung durch Verpackungen geworden. "Zukunft Eintüten" sieht das anders. (Foto: Jan Holubek)

Produktverpackungen sind für Hygiene, Produktschutz und Transport unerlässlich – das zumindest möchte uns der Industrieverband Papier- und Folienverpackung e.V. (IPV) in seinem Image-Video „Zukunft Eintüten“ weismachen. Im Netz erntet der Film Spott und Häme. 

Seit Jahren versuchen Umweltschutzorganisation und Politik die Verbraucher in puncto Verpackungen zu mehr Nachhaltigkeit zu erziehen. Millionen Tonnen Plastikmüll gelangen jährlich in die Ozeane, vermüllen Strände, werden zu tödlichen Fallen für Meerestiere und Seevögel oder von ihnen mit Nahrung verwechselt und können über den Nahrungskreislauf als Mikroplastik zersetzt sogar wieder in den menschlichen Organismus gelangen. Die Plastiktüten sind dabei zum Symbol der Umweltverschmutzung geworden: Da sie zu vielen Einkäufen kostenlos abgegeben werden, liegt der durchschnittliche Verbrauch in der EU bei sagenhaften 198 Stück pro Person pro Jahr. Freiwillige Lösungen und gesetzliche Verbote sollen diese Zahl drastisch reduzieren.

Am Kamilo Beach an der Südostküste von Hawaii werden Unmengen an Plastikmüll angeschwemmt (Foto: Anna Frodesiak).
Am Kamilo Beach an der Südostküste von Hawaii werden Unmengen an Plastikmüll angeschwemmt (Foto: Anna Frodesiak).

Herausforderungen für die Verpackungsindustrie

Es sind schwere Zeiten für Unternehmen, die solche Verpackungen produzieren: „Die Verpackung [hat] bei dem einen oder anderen Verbraucher ein schlechtes Image“, stellt der Industrieverband Papier- und Folienverpackung e.V. in seiner Pressemeldung vom 13. April fest. Was liegt da näher, als mit einer Werbekampagne die Kritik an seinen Produkten zu entkräften, mit Vorurteilen aufzuräumen, Gegenargumente anzuführen und zu zeigen, mit welchen Innovationen man sich den neuen Herausforderungen und seiner gesellschaftlichen Verantwortung stellt? Nun, zumindest einen Teil davon hat man versucht: „Wie das alltägliche Leben, das Einkaufen ohne Verpackung enden würde, das möchte der [IPV] mit einer Youtube Kampagne einer breiten Öffentlichkeit näherbringen – auf eine humoristische Art und Weise.“ Hier das Ergebnis:

Na, überzeugt? Als ich den Clip das erste Mal sah, fiel mir ungläubig die Kinnlade runter, beim zweiten Mal musste ich nur noch lachen. Man stelle sich vor, die Protagonisten wären im Supermarkt Oma Erna begegnet, die wie seit 60 Jahren mit ihrem Einkaufskorb durch die Regale schlendert. Sie hätte Lukas sicher gern tragen geholfen (und ihn für seinen Karo-Pullunder gelobt) und die affektierte junge Frau das erste Mal blamiert. Würde sie den beiden dann noch von engagierten Pionieren wie Original Unverpackt in Berlin oder Loose in Dresden erzählen, die den täglichen Einkauf ganz ohne Einwegverpackungen in immer mehr Städten ermöglichen – die beiden Naseweise hätten wohl mit hochrotem Kopf den Laden verlassen.

Nichts mit "Zukunft Eintüten": Original Unverpackt in Berlin hat vorgemacht, wie verpackungsfrei Einkaufen funktionieren kann (Quelle: Original Unverpackt).
Nichts mit „Zukunft Eintüten“: Original Unverpackt in Berlin hat vorgemacht, wie verpackungsfrei Einkaufen funktionieren kann (Quelle: Original Unverpackt).

Angemessen entrüstet reagieren viele Kommentatoren bei YouTube: „Eine Frechheit ist das! In Zeiten von eingeschweißten Gurken und doppelt und dreifach verpackten Lebensmitteln ist das einfach ein schlechter Witz!“, „Wie Ignorant kann mann sein?“, „Als ob die Leute zu dumm sind sich Behälter und Taschen mitzunehmen, wenn sie zu sonem Unverpackt Markt gehen“, und viele weitere Hinweise auf verpackungslose Läden. Sie sind sicher geprägt durch Besucher des Facebook-Posts von Original Unverpackt am Freitag, deren Betreiber in den Kommentaren eine Video-Antwort ankündigen. Bewertet ist der Film mit 110 „Daumen runter“ gegen nur 5 „Daumen hoch“ auf rund 3100 Views (Stand: 30.05.16, 10:45 Uhr).

Zukunft Eintüten – so nicht

Versteht mich nicht falsch, es geht hier nicht um pauschales Bashing des IPV. Das Thema Verpackungen und Müllvermeidung ist (wie viele nachhaltige Themen) vielschichtiger, als man vielleicht auf den ersten Blick denkt. Die Hürden für verpackungslose Läden hinsichtlich Hygiene und Haltbarkeit, Kennzeichnungspflichten, Lieferanten und Rückverfolgbarkeit dürften beachtlich sein. Auch ist nur eine Minderheit der Konsumenten bereit für den nötigen Mehraufwand, zumal gesellschaftliche Entwicklungen zu einem gegenläufigen Verbraucherverhalten führen: „Die Auflösung fester Mahlzeiten, die Vereinzelung der Gesellschaft, der Zeitmangel – all das führt eher zu einem immer größeren Verpackungsaufwand“, sagt Hans-Joachim Karopka, Geschäftsführer beim Marktforschungsinstitut Rheingold gegenüber der WELT.

Doch mit dem Video „Zukunft Eintüten“ hat sich der IPV keinen Gefallen getan, sondern der Lächerlichkeit preisgegeben und – viel schlimmer – seine Ignoranz gegenüber den Themen Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit offenbart. Im Zuge der Recherchen für diesen Artikel bin ich auf die ältere Kampagne „Ja zur Tüte“ von Anfang 2014 gestoßen, wo ich erfahren (und anderweitig unabhängig bestätigt gefunden) habe, dass in Deutschland über 95 Prozent der Verpackungsabfälle verwertet werden, dass 72 Prozent der Deutschen Plastiktüten mehrfach verwenden und dass die Herstellung von Papier- und Baumwollbeuteln erheblich umweltschädlicher ist. Auch Innovationen zu Verpackungen aus recycelten oder biologisch abbaubaren Materialien hätten mich interessiert. Ja, solche Inhalte lassen sich schwerlich in ein „flippiges“ YouTube-Video packen – aber sie hätten eben demonstriert, dass man sich seiner Verantwortung und öffentlichen Wahrnehmung bewusst ist.

Zum Schluss noch ein Lesetipp: Auch wer keinen verpackungsfreien Laden in seiner Nähe hat, kann mit ein paar veränderten Gewohnheiten große Mengen Verpackungsmüll einsparen. Tipps dafür gibt’s unter dem Stichwort „Zero Waste„, zum Beispiel bei Shia von Wasteland Rebel, deren Müll aus einem ganzen Jahr in ein Einmachglas passt: 10 Tipps zur sofortigen Müllreduzierung und dabei Geld sparen!

Lesenswert? Dann sag's weiter!
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInFlattr the authorEmail this to someone

1 Kommentar

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*


Warning: in_array() expects parameter 2 to be array, string given in /www/htdocs/w0133177/slit-sensilla.de/wordpress/wp-content/plugins/worth-the-read/worth-the-read.php on line 106

Warning: in_array() expects parameter 2 to be array, string given in /www/htdocs/w0133177/slit-sensilla.de/wordpress/wp-content/plugins/worth-the-read/worth-the-read.php on line 151