Fast Fashion – Die Schattenseiten der Mode

Am Eingang der Ausstellung begrüßen riesige Bündel aussortierter Kleidung die Besucher (Foto: Jan Holubek).

Die Ausstellung „Fast Fashion – Die Schattenseiten der Mode“ des Museums für Kunst und Gewerbe aus Hamburg gastiert im Deutschen Hygienemuseum Dresden (DHMD). Ein eindrücklicher Blick in die Welt der Modeindustrie und ihre ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen.

Am vergangenen Samstag hatte ich die Gelegenheit, an einer Exkursion des Referats für Ökologie und Nachhaltigkeit der TU Chemnitz (kurz „NATUC“) nach Dresden teilzunehmen. Ziel war die „Fast Fashion“-Ausstellung, die ursprünglich im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) konzipiert wurde und seit dem 5. Dezember 2015 im Hygienemuseum zu sehen ist. Es sei „die erste Ausstellung, die sich umfassend, differenziert und kritisch mit dem System der Bekleidungsindustrie und den sozioökonomischen und ökologischen Folgen auseinandersetzt“, so die Ankündigung des MKG.

Unsere Führung begann im Eingangsbereich mit der Frage, was „Fast Fashion“ eigentlich bedeutet: Der Begriff umfasst sowohl die in der Textilbranche verbreitete Unternehmensstrategie, immer rasanter neue Mode als billige Massenware zu entwerfen, zu produzieren und zu vertreiben, als auch die relativ junge Konsumkultur, in der Kunden jedem Trend folgen und immer neue Teile für immer weniger Geld kaufen. Um diese schnellen Zyklen bedienen zu können, müssen Produktionsabläufe massiv beschleunigt werden – mit teilweise katastrophalen Folgen für Arbeitsbedingungen und Umwelt. Auch dem Gegenmodell, der sogenannten „Slow Fashion“, wurde am Ende der Ausstellung ein Raum mit regionalem Bezug eingeräumt; dazu später mehr.

Schätzfrage im Eingangsbereich: Welche Kleider gehören wohl zur Slow, welche zur Fast Fashion? (Foto: Jan Holubek)
Schätzfrage im Eingangsbereich: Welche Kleider gehören wohl zur Slow, welche zur Fast Fashion? (Foto: Jan Holubek)

Die zweite Eingangsfrage wandte sich an die Modekenner unter den Besuchern: Wir wurden aufgefordert, die vier Kleider im Bild nach ihrem Preis zu sortieren. (Vielleicht versucht ihr’s selbst einmal, bevor ihr weiterlest. Sie sind zwar relativ klein im Bild, aber auch wir sollten nur aus der Entfernung schätzen.) Während ich zwei von vier ungefähr richtig einordnete, bewiesen manche Damen unserer Gruppe ein beachtliches Gespür: Das billigste ist das rechte Kleid, danach folgt das teuerste, ein italienisches Designerstück. Das dritte von rechts ist wieder ein günstiges von H&M, ganz links schließlich folgt ein Slow-Fashion-Modell der Marke armedangels. Dieses und das Titelbild sind übrigens die einzigen Fotos, die ich selbst machen durfte: In der Ausstellung ist das Fotografieren leider untersagt.

Der Fabrikeinsturz in Bangladesch: Kein Unglück

Die eigentliche Ausstellung gliedert sich dann in vier Kapitel: Konsum, Ökonomie, Ökologie und Slow Fashion. Dabei werden bekannte Bildwelten der Mode wie Fotostudio, Litfaßsäule, Schaufenster und Umkleidekabine gekonnt für die Szenografie eingesetzt. Am Laufsteg sitzend soll ein eigens für die Ausstellung produzierter Film zu den glamourösen und problematischen Seiten der Bekleidungsproduktion die Besucher einstimmen. Ein teils verstörender Mix aus Catwalk, Tierquälerei, Models im Blitzlichtgewitter und übermüdeten Näherinnen flimmert über die Leinwand. An der Wand gegenüber sind Informationen und Bilder zu einem der wichtigsten Anlässe für die Ausstellung zusammengetragen: dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza bei Dhaka in Bangladesh. Fast auf den Tag genau drei Jahre ist die Tragödie her – „kein Unglück“, sondern in Kauf genommenes Risiko, wie unser Guide betont, denn das Gebäude war zu dem Zeitpunkt wegen Baumängeln bereits offiziell gesperrt worden. Ebenfalls Teil der „Fast Fashion“-Ausstellung ist die Fotoserie „Death of a Thousand Dreams“ der Dokumentarfotografin und Aktivistin Taslima Akhter, die das Schicksal der Textilarbeiter nach dem Einsturz porträtiert. Eines der Bilder zeigt eine Mutter, die noch Monate später vor den Ruinen auf die Heimkehr ihrer Tochter wartet. Manche der Angehörigen kämpfen bis heute um angemessene Entschädigungen.

Nachrichtenbeitrag über den Einsturz des Rana Plaza vom 10. Mai 2013:

An der nächsten Station geht es um Zahlen und Statistiken der Modeindustrie. Während klassische Modesegmente wie die Haute Couture, die Pret-à-Porter und die mittelpreisige Konfektionsware zwei Kollektionen im Jahr präsentieren, haben die Billigproduzenten auf bis zu zwölf Kollektionen pro Jahr angezogen. Dieser schnelle Trendwechsel und die niedrigen Preise sollen vor allem junge Konsumenten häufiger zum Kauf animieren. Dazu tragen auch mediale Vorbilder wie YouTube-Stars bei, die in millionenfach geklickten, sogenannten „Hauls“ die Ausbeute ihrer letzten Shoppingtouren präsentieren. Der Durchschnittsdeutsche kaufe im Jahr 20 mal Mode ein, er habe aber auch schon Schüler in der Ausstellung gehabt, die auf 100 neue Stücke im Monat kamen, berichtet unser Guide. Im Ergebnis enthält der Durchschnitts-Kleiderschrank heute vier Mal mehr Kleidung als noch im Jahr 1980 – davon wurden 40 Prozent noch nie getragen.

Beispiel für einen „Haul“ deutscher YouTube-Stars:

„Ist Wasser in Deutschland so teuer?“

Entsprechend sorglos ist der Umgang mit vermeintlich ausgedienter Kleidung. Eine große Grafik zeigt „Die Reise einer entsorgten Bluse“ über Altkleidercontainer und Wiederverkaufsstellen, dazu läuft ein Video. Fast schon beschämend darin ist die Szene, in der eine ältere Frau eine schmutzige, aber sonst makellos scheinende Jeans aus einem großen Kleiderbündel zieht und irritiert fragt: „Ist Wasser in Deutschland so teuer?“ Ein weiteres Video ist bewusst klein am Ende des Raumes platziert. Erst nach einem Klick, mit dem Besucher ihr Alter über 16 Jahren bestätigen müssen, werden Szenen aus der Angorawoll-„Produktion“ gezeigt, in denen Kaninchen bei lebendigem Leib gerupft werden. Ein roter Stop-Knopf neben dem Display bricht den Film auf Wunsch sofort ab.

An der nächsten Station dreht sich zunächst alles um Marken und Preise. Ein Kunstprojekt macht bewusst, dass Marken verschiedener Preissegmente durchaus gleiche Qualität von gleichen Herstellern beziehen – mit dem entsprechenden Label darauf aber ist die Zahlungsbereitschaft der Kunden eine ganz andere. Ähnlich aussagekräftig sind die Inschriften à la „Made in…“, wie wir kurz darauf lernen. In der langen Reihe von Produktionsschritten gibt es keine gesetzliche Regelung, welche für diese Angabe maßgeblich sind – ein letzter Handgriff in Deutschland reicht für das „Gütesiegel: Made in Germany“. Weil das bei einigen Marken nicht mehr glaubhaft wäre, gibt es sogar ganze Billiglohn-Fabriken mit chinesischen Arbeitern in Italien. Schon sind die Stücke „komplett in der EU gefertigt“. Tatsächlich stammen 90 Prozent der Bekleidung für den amerikanischen und europäischen Markt aus Fabriken in Billiglohnländern wie China, Indien, Bangladesch, Vietnam oder Kambodscha.

Viele Billiglabels machen aus der Produktion in Niedriglohnländern längst kein Geheimnis mehr (Foto: Jan Holubek).
Viele Billiglabels machen aus der Produktion in Niedriglohnländern längst kein Geheimnis mehr (Foto: Jan Holubek).

Lohnunterschied: 42 Cent

Nachdenklich macht auch eine Aufschlüsselung, wie sich der Preis verschiedener T-Shirts zusammensetzt. Ob Fast Fashion oder schon mittleres Preissegment: Mit 13 bzw. 18 Cent entsprechen die Lohnkosten jeweils nur etwa ein bis maximal zwei Prozent des Endpreises. Höhere Preise kommen im Wesentlichen durch niedrigere Stückzahlen und höhere Transportkosten zustande. Fairer dagegen wären schon die beim Slow-Fashion-Label veranschlagten 60 Cent – ein Mehrpreis, den die meisten wohl locker in Kauf nehmen würden.

Die Preiszusammensetzung eines T-Shirts wird auf einem Schaufenster dargestellt (Quelle: DHMD, Fotograf: Oliver Killig).
Die Preiszusammensetzung eines T-Shirts wird auf einem Schaufenster dargestellt (Quelle: DHMD, Fotograf: Oliver Killig).

Doch höherer Lohn allein reicht nicht aus. Die Arbeitsbedingungen und Umweltbilanzen vieler Billigproduzenten sind katastrophal. Um Ernteausfälle durch Starkregen zu reduzieren, wird die durstige Baumwollpflanze in trockenen Regionen angesiedelt und aufwändig manuell bewässert, wodurch lokale Wasserressourcen schwinden, Böden austrocknen und versalzen. Bis zu 2000 Liter Wasser werden so für die Produktion eines einzigen T-Shirts verbraucht. Die zusätzlich verwendeten, lebensgefährlichen Pestizide sind nur ein Teil der bis zu 7000 Chemikalien, die entlang der textilen Produktionskette eingesetzt werden und Umwelt und Arbeiter belasten. Auch das Sandstrahlen von Jeans für den beliebten Used Look führt bei entsprechender Quarz-Konzentration und mangelndem Arbeitsschutz zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden. Wortwörtlich besonders nahe gehen die Informationen zur Färbung der Kleidung: Sie sind zum Teil auf Spiegeln angebracht, in der die Besucher der „Fast Fashion“ neben den Texten zwangsläufig ihre eigene Kleidung betrachten.

Faire und nachhaltige Alternativen: Slow Fashion

Nach all den bedrückenden und schockierenden Hintergründen zur aktuellen Situation erscheint das „Slow Fashion Lab“ am Ende der Ausstellung wie das berühmte Licht am Ende des Tunnels. Hier werden auf sechs Werkbänken alternative Materialien, Technologien und Lösungsentwürfe für die vielfältigen Probleme vorgestellt. Dabei muss das Rad gar nicht immer neu erfunden werden: Bei der Suche nach einer Alternative zur Baumwolle reicht zum Beispiel ein Blick 300 Jahre zurück, als diese in Europa noch nicht so umfangreich importiert und verarbeitet wurde. Damals taugte die gemeine Brennnessel zur Naturfaser, außerdem ist sie klimatisch anspruchsloser und schädlingsresistenter. Auch beim Gerben von Leder können natürliche Rohstoffe wie Rhabarber oder Oliven bisher eingesetzte Chemikalien-Cocktails ersetzen. Weitere Themen sind zum Beispiel Siegel für nachhaltigere und fairere Produktionsstandards oder Bewegungen gegen die Konsumkultur wie Sharing-Plattformen.

Die eigentlichen Stars des Slow Fashion Lab aber sind Nachwuchsdesigner aus Dresden und Sachsen. Der zentrale Catwalk wurde für den Gastauftritt im Hygienemuseum komplett neu gestaltet und zeigt, wie sie versuchen, Mode anders zu denken: Sei es durch strengste Zertifikate, ein Augenmerk auf die Auswahl der Stoffe, neue Materialien oder die Herstellung vor Ort unter hohen Sozialstandards. Vom T-Shirt für 25 Euro bis zum festlichen Kleid für 799 Euro beweisen die sächsischen Designer, dass Slow Fashion sowohl bezahlbar als auch stilvoll sein kann.

Der Catwalk im Slow Fashion Lab präsentiert nachhaltige Mode sächsischer Designer (Quelle: DHMD, Fotograf: Oliver Killig).
Der Catwalk im Slow Fashion Lab präsentiert nachhaltige Mode sächsischer Designer (Quelle: DHMD, Fotograf: Oliver Killig).

Wie die Reaktionen auf die Ausstellung bzw. die Führungen ausfallen, fragt eine Besucherin zum Abschluss unserer Führung neugierig. Der Guide berichtet, dass das Interesse bei öffentlichen Führungen erstaunlich groß sei, obwohl die Ausstellung entsprechend ihres Konzepts mehr offene Fragen als Lösungen hinterlässt: Steht „Fast Fashion“ auch für eine Demokratisierung der Mode? Was sagt sie über die Qualität der Produkte und die Wertschätzung von Mode aus? Welche Verantwortung tragen die Konsumenten? Was können sie tun, um Einfluss auf die heutigen Produktionsbedingungen von Mode zu nehmen? Besonders vielfältig und interessant seien die Reaktionen von Schülergruppen von außerhalb, deren Highlight nach dem Museumsbesuch eine Shoppingtour durch den noch recht neuen Primark in Dresden sein sollte…

Prädikat: Empfehlenswert

Obwohl dieser Beitrag länger geworden ist als geplant, sind längst nicht alle behandelten Themen und Elemente der Ausstellung darin untergekommen. Ich habe euch also noch nicht zu viel verraten und empfehle wärmstens einen Besuch der „Fast Fashion“, die noch bis zum 3. Juli in Dresden gastiert. Stellen wir uns dem Hintergrund unserer Modenutzung, die Alternativen sind gar nicht so unattraktiv oder unerreichbar, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Rund um die Ausstellung gab und gibt es in Hamburg und Dresden übrigens noch einige tolle Aktionen wie den Blog stilbrise.de, Atelier-Besuche, den „Happy Sunday. Ideenmarkt für Fair Fashionistas“, Tagungen, Schulprojekte und Look Books – auch ein Blick auf fastfashion-dieausstellung.de und die Ausstellungsseite beim DHMD lohnen sich.

Zu guter Letzt noch ein Dankeschön an die Organisatoren der NATUC, die sich immer wieder mit spannenden Veranstaltungen und Projekten für mehr Nachhaltigkeit an unserer Uni einsetzen – Respekt für eure Leistungen!

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